Das „Roxy" gibt es nicht mehr

Höhen und Tiefen eines Filmtheaters in vielen Jahrzehnten miterlebt

Das Buch der Rheinauer Kinos wurde endgültig zugeschlagen / Viele Erinnerungen

Von unserem Mitarbeiter Klaus Tröster

Das Roxy gibt auf. Um an dieser Stelle Spekulationen vorzubeugen, sei versichert, es wird keinen neuen Supermarkt in der Rheinauer Relaisstraße geben. Die Nachfolge übernimmt vielmehr eine Branche, die letztlich den scheinbaren Anachronismus, das Überflüssigsein von Vorort-Kinos begünstigt hat. Ironie des Schicksals: Zukünftig versorgt dort eine Videothek die Bewohner des südlichen Stadtteils mit Stoff fürs Heimkino. Das Buch der Rheinauer Filmtheater, ja, der Mannheimer Vorort-Kinos allgemein, ist damit zugeschlagen. Die wechselvolle Geschichte eines Lichtspielhauses hat damit nach fast 60 Jahren ihr Ende genommen.

1934 beschrieben die „Mannheimer Nachrichten" einen Zustand, der auch für die letzten Jahre der Existenz des Roxy zutreffend war: „Wenige werden wissen, daß selbst noch weiter vom Stadtkern ent­fernt, draußen in Rheinau ein Filmtempel besteht, die Rheinaulichtspiele, die 1929 ins Leben traten.<br>>
Karl Schmittgall übernahm 1936 das Roxy mit 200 Plätzen von seinem Freund Kurt Hassler, der das Olympia in Käfertal gegründet hatte. Sie waren auch die bei­den ersten Mannheimer, die von der US-Militärregierung eine Lizenz für einen Ki­nospielbetrieb erhielten. Das Roxy, das, ab 1945 von den amerikanischen Besat­zern beschlagnahmt, als Soldaten-Kino fungierte, konnte damit wieder der Zivil­bevölkerung zugänglich gemacht werden. Schmittgall erinnert sich heute amüsiert an den ersten Film mit dem er Ende 1946 startete. Es handelte sich um einen ameri­kanischen Film von Rene Clair „Meine Frau, die Hexe" (I married a witch, USA 1942).<br>
Eine Domäne des Roxys von Anfang an waren Kinder- und Jugendvorstellun­gen. Eine alteingesessene Rheinauerin er­innert sich an Kinderzeiten im Roxy, als ein Aufpasser, nebenbei noch Filmvorfüh­rer - dem die Kinder ob seines gewaltigen Schnurrbarts sinnigerweise den Spitzna­men „Stalin" verpaßt hatten -, der Schar vergnügter Kinder Herr zu werden ver­suchte. Die Kriegszeit hielt für kinohung­rige Kinder ihre eigenen kleinen Kata <br-
strophen bereit. Und so erinnert sich heu­te ein anderer Roxybesucher: „Das wich­tigste für uns war, daß es keinen Flieger­alarm gab, bis der Film zu Ende war. An­sonsten mußten wir das Kino verlassen, und Geld und Film waren futsch." <br>
Die Nachkriegszeit befriedigte das Be­dürfnis nach ausländischen Streifen, die in den Jahren zuvor nicht zugänglich wa­ren. Amerikanische Produktionen mit deutschen Untertiteln - schließlich war das Nachkriegsdeutschland auch für die wirtschaftlichen Interessen Hollywoods wie ein bracher Acker, den es zu bestellen galt -, lockte die Menschen in die Kinos. Zudem gab es ansonsten wenig Zerstreu­ungsmöglichkeiten <br>
Das Roxy spielte damals Erstauffüh­rungen. Aber auch Bühnenschauen, Thea­tergruppen und Entertainer hatten dort ihre Heimstatt. Karl Schmittgall erinnert sich an ein Gastspiel der Frankfurter Ka­barettistin Lotte Specht, das ihm 14 Tage lang ein ausverkauftes Haus bescherte. Der 77jährige Karl Schmittgall, immer noch agil und von ungebremstem Taten­drang, der heute seinem Sohn Rolf in der gemeinsamen Gaststätte „Schindeldach" hilft, denkt gerne an seine Kinozeit zu­rück. „Ich war voll und ganz Kino. Ich würde sofort wieder Kino machen. Jetzt noch!" Kino hält offensichtlich jung. Denn ähnlich sieht es der letzte Roxy-Besitzer, Carl Tittlbach: „Ein Leben ohne Kino kann ich mir nur schwer vorstellen." <br>

Auf   der   anderen   Seite   beschreibt

Schmittgall die Situation, die ihn 1964 nö­tigte, endgültig aus dem Geschäft mit den laufenden Bildern auszusteigen. „Als ich gesehen habe, wie auf den Wohnblocks meiner treuen Stammkundschaft, die Fernsehantennen wie Unkraut in den Himmel geschossen sind, war der Anfang vom Ende auf der Rheinau abzusehen." <br>
Doch blenden wir noch einmal zurück in die 50er Jahre. Sonntag hieß Kino. Mas­senhaft drängelten sich Kinder im schlauchförmigen Eingangsbereich des Roxys. Jugendliche eingekeilt zwischen anderen fieberten hoffnungsfroh dem Ein­laß entgegen. In jener Zeit wurde erst­mals die Eingangstür eingedrückt und mußte deshalb mit Eisen verstärkt wer­den. TV und Video waren noch nicht auf dem Markt und von einer Medienüberflu­tung noch längst keine Rede. Die einzige Sorge der Kinder damals war, 50 Pfennige aufzutreiben. Doch Großväter waren na­türlich allzu schnell bereit, sich das Ein­trittsgeld abluchsen zu lassen. Die sonn­täglichen Filmvorstellungen besaßen ei­nen außergewöhnlichen Erlebnischarak­ter. Und mancher, der damals das Kino kennenlernte, wird sich vielleicht erin­nern, wie um 14 Uhr die abenteuerlichsten Streifen liefen, die die Erwachsenen, manchmal die Eltern, manchmal der Großvater in der Nacht zuvor, in der Spät­vorstellung goutierten <br.
Rolf Löffler, ehemaliger Roxy-Filmvorführer, erinnert sich an die frühen fünfzi­ger Jahre, als er zwischen den beiden Rheinauer Filmhäusern Roxy und Apollo die Wochenschauen von Vorstellung zu Vorstellung hin und her getragen hat. Löffler, von Haus aus Spreng- und Tauch­meister, spielte noch bis vor zwei Jahren das „Mädchen für alles" im Roxy <br>

In der Blütezeit des deutschen Heimat­films mußte Schmittgall sein Roxy schließen. Zwischen den Fremdenzimmern, die oberhalb des Kinosaales lagen, und der Kinodecke drohte Einsturzgefahr. Das war 1956. Drei Jahre ruhte der Spielbe­trieb.

1960 begann für das Roxy eine neue Ära. Carl Tittlbach übernahm auf Drän­gen seiner filmbegeisterten Frau das ein Jahr zuvor völlig renovierte und wiederer­öffnete Filmtheater. Tittlbach, der lä­chelnd feststellt, daß er, nachdem er die 80 Jahre überschritten habe, nur noch die Wochen im Kalender anstreiche, und das seien mittlerweile immerhin 30, meint heute nüchtern: „Damals hätte ich manch­mal den Turm am liebsten in die Luft ge­sprengt; denn mit dem Roxy hörte das bis­herige Familienleben auf. „Und dann", er­innert sich Tochter Jutta Tittlbach-Zwarg, „haben wir alle mithelfen müssen".
<br>Für Vater Carl, der wie gesagt, zu­nächst mit Kino nichts am Hut hatte, wur­de es mit den Jahren zum Lebensinhalt. \ „Man verwächst mit dem Kino", ist alles, was er dazu nur sagt. Er war bis zuletzt die treibende Kraft im Geschäft, das für das Roxy in den letzten beiden Jahren längst keines mehr war. Kinomachen wurde zum Hobby. Und so mußte der Se­nior wiederholt mit seiner Rente einsprin­gen, um Verluste auszubügeln. Viel lieber erinnert er sich an Zeiten, wo die einzige Aufregung darin bestand, einem Mädchen mal zur Seite zu stehen, dem sich ein gleichaltriger Verehrer ermutigt durch die Dunkelheit, allzu aufdringlich genähert hatte.<br>
„Bis vor zwei Jahren", meint Carl Tittl­bach rückblickend, „haben mich die Leute auf der Straße angesprochen und gesagt: Gott sei Dank, daß Sie noch Kino machen, da haben wir unsere Kinder wenigstens mal für zwei, drei Stunden los."<br>
Kindervorstellungen ist auch für die ehemalige Platzanweiserin Renate Jahn Stichwort, um verklärt festzustellen: „Sie waren immer gerammelt voll." Und das hieß bis in die 70er Jahre 490 Plätze. Der endgültige Abstieg begann eigentlich 1980, weiß Schwiegersohn und letzter Filmvorführer Heinz J. Zwarg zu berich­ten, als die Video-Konkurrenz dem Vorort-Kino den Todesstoß versetzte<br>.
Der jahrelange Überlebenskampf, um nicht zu sagen Todeskampf, hat nun ein Ende gefunden. Das Roxy aber scheiterte nicht zuletzt auch an einer Verleihpolitik, die Innenstadt-Kinos bevorzugt. Denn bis Lichtspielhäuser in den städtischen Rand­gebieten als Nachaufführer aktuelle Filmeerhalten, ist der Markt längst verlaufen. Medienkonkurrenz und Mobilität mach­ten es immer schwerer, ein Stammpubli­kum zu binden, geschweige denn, auf Laufkundschaft zu hoffen. Mit dem Rheinauer Roxy schließt das letzte Mann­heimer Vorort-Kino seine Pforten. Ein Stück Kultur- und Stadtgeschichte ist da­mit zu Ende.-



Aus: Mannheimer Morgen Wochenschau düe die südlichen Stadtteile und Vororte: 45 Jahrgang Nr. 81; 8. April 1988